„Es ist schwer, nicht zu philosophieren“
17.06.2026
An der University of Cambridge erforscht der LMU-Alumnus Neil Dewar, wie physikalische Theorien die Wirklichkeit repräsentieren.
17.06.2026
An der University of Cambridge erforscht der LMU-Alumnus Neil Dewar, wie physikalische Theorien die Wirklichkeit repräsentieren.
Eine Druckwelle in der Luft, mathematische Gleichungen auf Papier oder Einkerbungen in einer Tontafel: „Solche physischen oder formalen Dinge können auf etwas verweisen, das über sie selbst hinausgeht“, sagt Neil Dewar. „Zum Beispiel können sie Sprache tragen, die Bewegung eines Planeten beschreiben, einen Schuldbetrag festhalten oder eine physikalische Theorie darstellen.“ Dewar interessiert sich dafür, wie das möglich ist: wie ein Ding für ein anderes stehen kann und dabei Bedeutung entsteht. In der Philosophie spricht man dabei von der Frage der „Aboutness“ – einem Rätsel, das Dewar schon während seiner gesamten wissenschaftlichen Laufbahn begleitet.
Neil Dewar ist Associate Professor an der Faculty of Philosophy der University of Cambridge und Alumnus der LMU. Seine Forschung verbindet Philosophie, Physik, Logik und Wissenschaftsphilosophie. Im Zentrum steht dabei die Rolle mathematischer Darstellungen in der Physik. „Physikalische Theorien arbeiten mit Gleichungen, Modellen und mathematischen Strukturen“, erklärt Dewar. „Sie ermöglichen es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, zu rechnen, Vorhersagen zu treffen und Aussagen über die Wirklichkeit zu überprüfen. Zugleich werfen sie aber auch eine philosophische Frage auf: Wie kommt es eigentlich, dass Mathematik die physische Welt darstellen kann?“ Für Dewar ist das nicht nur eine technische Frage. Es geht ihm auch darum, wie Bedeutung entsteht.
Geboren in Schottland, studierte Dewar an der University of Oxford Physik und Philosophie – in einem Studiengang, der beide Fächer verbindet. Zuvor hatte er Physik in Betracht gezogen, Mathematik, aber auch Fächer wie Philosophie oder Politik. „Als ich auf den kombinierten Studiengang stieß, schien mir das eine gute Möglichkeit, diese Entscheidung noch etwas aufzuschieben“, sagt er und lacht.
LMU-Alumnus Dr. Neil Dewar ist Associate Professor an der Faculty of Philosophy der University of Cambridge. | © privat
Die Verbindung von Physik und Philosophie prägte auch Dewars weiteren akademischen Weg. Er promovierte, ebenfalls in Oxford, in Philosophie mit einer Arbeit über „Symmetries in Physics, Metaphysics, and Logic“. Nach seiner Promotion und einem Procter Fellowship in Princeton kam er 2016 als Assistant Professor an das Munich Center for Mathematical Philosophy (MCMP) der LMU. Hier habilitierte er sich zu Fragen von Struktur, Symmetrie und Äquivalenz in physikalischen Theorien, bevor er 2021 an die University of Cambridge berufen wurde. Dort wirkt er heute als University Associate Professor an der Faculty of Philosophy und Fellow des Trinity Hall.
In Cambridge beschäftigt Dewar sich unter anderem mit etwas, das man als Übersetzungsproblem beschreiben könnte. „In der Physik lassen sich dieselben Prozesse oft auf mehr als eine mathematische Weise beschreiben“, erklärt er. „Ich untersuche, wann solche unterschiedlichen Formulierungen einfach verschiedene Ausdrucksweisen für ein und dieselbe Sache sind und wann sie tatsächlich Unterschiedliches über Raum, Zeit oder die Naturgesetze aussagen.“
In der Physik lassen sich dieselben Prozesse oft auf mehr als eine mathematische Weise beschreiben. Ich untersuche, wann solche unterschiedlichen Formulierungen einfach verschiedene Ausdrucksweisen für ein und dieselbe Sache sind und wann sie tatsächlich Unterschiedliches über Raum, Zeit oder die Naturgesetze aussagen.Dr. Neil Dewar
Ein berühmtes Beispiel stammt aus den Anfängen der Quantentheorie. „Werner Heisenbergs Matrizenmechanik und Erwin Schrödingers Wellenmechanik schienen zunächst sehr unterschiedliche Möglichkeiten zu bieten, die Quantenwelt zu verstehen“, erklärt Dewar. „Damals schrieben sich Physiker sehr unhöfliche Briefe darüber, wie schrecklich die jeweils andere Formulierung sei.“ Heute dagegen betrachtet man die beiden Ansätze als unterschiedliche mathematische Formulierungen derselben zugrunde liegenden Theorie. „Deshalb ist es wichtig, zu fragen, wie physikalische Inhalte dargestellt werden und wann unterschiedliche Beschreibungen tatsächlich dasselbe bedeuten.“
Die Physik, sagt Dewar, sei philosophisch besonders aufschlussreich, weil sie mathematische Präzision mit einem direkten Bezug zur realen Welt verbinde. „Anders als gesprochene Sprache hängen ihre Modelle nicht von Tonfall, Untertönen oder Andeutungen ab.“ Zugleich ermöglichten sie es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, zu rechnen, Vorhersagen zu treffen und Aussagen über die Wirklichkeit zu prüfen. Physik sei, so Dewar, eine „lebendige Sprache“: ein präzises mathematisches Ausdrucksmittel, mit dem sich die Welt beschreiben lässt.
In seinem Forschungsalltag beginnt er häufig mit einem Problem aus der Literatur, mal aus aktuellen, mal aus historischen Debatten. Manchmal gibt aber auch seine Lehre den Anstoß. „Wenn ich Studierenden ein philosophisches Konzept erkläre, merke ich manchmal, dass es mir selbst noch nicht so klar ist, wie ich es gerne hätte“, sagt er. „Und das kann der Ausgangspunkt für weitere Forschung sein.“
Wenn Dewar an einem philosophischen Problem arbeitet, beginnt er nicht unbedingt mit der Frage, ob eine Behauptung richtig oder falsch ist. „Stattdessen ist oft der erste Schritt, genau zu bestimmen, was damit eigentlich gemeint ist“, erklärt er. „Was würde es zum Beispiel bedeuten, wenn man sagt, dass die Geometrie der Raumzeit ‚konventionell‘ ist? Und wie ließe sich diese Idee präzise fassen?“
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Von dort aus arbeitet Dewar häufig mit mathematischen „Toy Models“ weiter: einfachen Beispielen, die den Kern eines philosophischen Problems oder einer Idee freilegen. „Wenn ich solche Modelle verstehe, fange ich an zu begreifen, was philosophisch vor sich geht, und kann darauf eine umfassendere Erklärung aufbauen.“ In frühen Phasen seiner Forschung arbeitet er oft von Hand. „Ich kritzle meine Ideen gern auf leere Blätter Druckerpapier und entwickle Beispiele und Argumente so Schritt für Schritt weiter.“ Später schreibt er am Laptop direkt in LaTeX, einem Satzsystem, das häufig für mathematische und wissenschaftliche Texte verwendet wird. „Und dann kommt natürlich das Umschreiben“, sagt er, „oft mehrere Male.“
Statt bei Konferenzen nur fertig ausgearbeitete Ergebnisse vorzustellen, bringt Dewar Projekte häufig schon in Lesegruppen oder kleinere Workshops ein, wenn sie „noch nicht ganz ausgegoren sind“, wie er sagt. „Das ist in der Philosophie recht üblich, weil solche Diskussionen helfen können, die eigenen Ideen klarer zu fassen.“
Das Umfeld, das Dewar an der LMU vorfand, passte gut zu seiner Arbeitsweise. Wenn er an seine Zeit in München zurückdenkt, erinnert er sich an eine „freundliche und kooperative“ Atmosphäre am MCMP, in der man sich gegenseitig unterstützte. „Es war ein ideales intellektuelles Umfeld, um Ideen hin und her zu werfen“, sagt er. „Und es gab immer jemanden, der bereit war, am Whiteboard ein Problem durchzusprechen. Weil viele Forschende dort einen mathematischen Hintergrund haben, hatten wir sozusagen eine gemeinsame Sprache und konnten direkt einsteigen.“ Zudem hat er das Zentrum als lebendiges, internationales Umfeld in Erinnerung, in dem regelmäßig Forschende aus ganz Europa und den Vereinigten Staaten zu Gast waren und immer wieder neue Gespräche entstanden.
Ich kritzle meine Ideen gern auf leere Blätter Druckerpapier und entwickle Beispiele und Argumente so Schritt für Schritt weiter.Dr. Neil Dewar
Zu seiner Zeit an der LMU gehörte auch ein Aufenthalt als Researcher in Residence am Center for Advanced Studies (CAS) – ein Programm, das Nachwuchsforschenden Zeit, Raum und ein interdisziplinäres Umfeld für ihre Forschung bietet. „Die Zeit am CAS war für mich sehr hilfreich“, erinnert sich Dewar. „Ohne Lehrverpflichtungen konnte ich mehrere Forschungsprojekte deutlich voranbringen. Und auch die Möglichkeit, Forschende nach München zu holen, um mit ihnen Kooperationen zu entwickeln, war äußerst wertvoll.“ In seiner Freizeit ging er gern in den bayerischen Alpen wandern. „Mit ein paar Freunden habe ich zum Beispiel einmal die Zugspitze bestiegen, was großen Spaß gemacht hat.“
Cambridge, wo er heute arbeitet, ist ein weiterer Ort mit langer Tradition in Philosophie und Naturwissenschaft. Dewar ist dort an der Faculty of Philosophy angesiedelt. „Zudem hat die Universität ein Department of History and Philosophy of Science, wodurch ich Zugang zu zwei intellektuellen Gemeinschaften habe.“
Auch die breiter angelegte Lehre in Cambridge sei wertvoll für seine Forschung. „Wenn ich Studierende etwa zu Denkern wie Frege oder Wittgenstein betreue, ergeben sich oft unerwartete Verbindungen zu meiner Forschung, auch wenn diese Themen nicht im Zentrum meiner alltäglichen Arbeit stehen“, erklärt er. Cambridge bringt ihn zudem in engeren Kontakt mit Philosophinnen und Philosophen aus anderen Bereichen wie Ethik und Ästhetik. „Beide Umfelder, Cambridge und München, waren auf ihre eigene Weise anregend“, so Dewar.
Ich wünschte, Nicht-Philosophinnen und Nicht-Philosophen könnten sehen, dass es schwerer ist, nicht zu philosophieren, als sie vielleicht denken.Dr. Neil Dewar
„Ich wünschte, Nicht-Philosophinnen und Nicht-Philosophen könnten sehen, dass es schwerer ist, nicht zu philosophieren, als sie vielleicht denken.“ Ein Gespräch darüber, ob man wegen des Klimawandels weniger fliegen oder vegetarisch leben sollte, führt zum Beispiel schnell zu schwierigen Fragen der Ethik. Ein Streit, in dem eine Person meint, sie sei missverstanden worden, wirft Fragen der Sprachphilosophie auf. Und aktuelle Debatten über große Sprachmodelle werden rasch zu Fragen der Philosophie des Geistes.
„Wenn Philosophie abstrakt, dunkel oder weltfern wirkt, dann liegt das daran, dass sie von solchen Einzelfällen zurücktritt und nach den allgemeinen Prinzipien dahinter fragt“, sagt Dewar. „Die philosophischen Probleme selbst sind nicht vom gewöhnlichen Leben losgelöst. Sie gehen unausweichlich daraus hervor.“